Vom Wedeln zum Freeriden

Text: Wolfgang Heinzl | Fotos: Andreas Putz & Snowsports Academy


Freeriden – Eine Disziplin im Skisport mit absoluter Suchtgefahr, assoziiert mit Freiheit, Spaß und Action, die sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Wie gelingt es? Worauf gilt es zu achten? Und was genau hat das mit dem Wedeln zu tun?


Wedeln galt lange Zeit als die anzustrebende Feinform des Skifahrens. Heute ist die moderne Form des Wedelns noch immer eine Grundlage des Freeridens

Zugegeben, das Wort „Wedeln“ ist in die Jahre gekommen doch wird man als Skilehrer trotzdem immer wieder danach gefragt. Wedeln war die von Professor Stefan Kruckenhauser weltberühmt gewordene und bis zur Perfektion ausgearbeitete Skitechnik, die sich ab den 50er Jahren als die Idealvorstellung des eleganten Skilaufs in vielen Köpfen nachhaltig verankert hat.

Eine sogenannte „Verwindungstechnik“, die sich durch eine Oberkörperrotation entgegen der Kurvenrichtung auszeichnete, war ebenso charakteristisch wie die enge Skiführung und eine Hochentlastung, die das gleichzeitige „Zur-Seite-Schieben“ der Fersen ermöglicht. Tatsächlich findet sich das Wedeln nicht mehr im heutigen Österreichischen Skilehrplan, sondern hat sich in seiner Form weiterentwickelt zum „Parallelen Skisteuern dynamisch – kurze Radien“. Der wesentliche skitechnische Unterschied besteht nun darin, dass wegen der Bauweise moderner Ski ein anderer Kurvenradius gefahren werden kann. Anders als beim Wedeln, wo man vereinfacht formuliert in der Falllinie durch eine Scheibenwischer-artige Bewegung der Ski und entsprechenden Driftphasen das Tempo kontrollierte, meistert man diese Aufgabe heute durch das Steuern des aufgekanteten Skis entlang der Taillierung. Das Resultat ist eine Kurve, die zwar nicht geschnitten im Sinne eines Slalom-Rennläufers gefahren wird, aber über Taillierung und Aufkantwinkel ein wesentlich runderes Spurenbild mit größerem Radius als beim Wedeln erzeugt. Dynamisch gefahren fordert die „Hausregel“ eine Spurbreite auf der Piste, die in etwa der Breite einer Pistenraupenspur (ca. 5 Meter) entspricht.

Tiefschneefahren oder "Powdern" in kurzen Radien

In Zeiten von „Freeriding“ und breiten Tiefschnee-Ski scheint all das von eher geringer Relevanz zu sein. Und für den Hardcore-Freerider, der erst bei frischem Tiefschnee das Haus in Richtung unverspurter Hänge über der Baumgrenze verlässt, mag das zum Teil auch zutreffend sein. Wenn allerdings der Untergrund und das Gelände nicht dieser Idealvorstellung entspricht, können mit kurzen Radien sehr elegant und kraftschonend die meisten Herausforderungen gemeistert werden. Dadurch ist es auch möglich auf engstem Raum schnelle Richtungsänderungen vorzunehmen. Darüber hinaus benötigt man noch immer – wie früher beim Wedeln – viel weniger Platz, als bei langgezogenen Freeride-Turns, worüber sich auch andere Personen auf unverspurten Tiefschneehängen freuen.


Aus der Sicht eines leidenschaftlichen Skilehrers ist daher die Beherrschung einer guten Technik von kurzen Radien essentiell für alle Variationen des Skifahrens, ganz speziell für solche, die eben nicht auf der Piste stattfinden. Anders formuliert: Alle, die das Erlebnis und vielleicht auch die Herausforderung im Gelände suchen, sollten zunächst die notwendige Technik beherrschen, um auch beim Freeriden sicher und genussvoll in die Natur eintauchen zu können.

Abschließend kann nun festgehalten werden: Freeriden gehört zu den schönsten Disziplinen beim Skisport, jedoch setzt die „perfekte“ Abfahrt ein gutes technisches Grundkönnen voraus, dass vor allem durch die Perfektionierung von kurzen Radien auf der Piste erlernt werden kann. Hat man die Technik dann einmal gemeistert und „surft“ im tiefen Pulverschnee den Hang hinunter, dann ist dieses Gefühl mit nichts auf der Welt zu vergleichen.



Unverspurte Hänge zu bewältigen ist auch heute noch das große Ziel vieler Skifahrer. Grundlage dafür ist eine gute Technik in langen und kurzen Radien

Worauf man bei kurzen Radien achten sollte:

1) Mittellage & Alpines Fahrverhalten

Die Ski-technischen Grundelemente des Österreichischen Skilehrplans stellen wie bei jeder anderen Skitechnik die Basis dar. Ziel ist eine bewegungsbereite ausbalancierte Haltung, die sich im Kurvenverlauf an Hangneigung und Geschwindigkeit situationsgerecht anpasst.

2) Körperspannung

Auch wenn es vom Könner in einer lockeren Leichtigkeit demonstriert wird: Kurze Radien setzen eine gute Rumpfstabilität und somit eine angepasste Körperspannung voraus, um eine rhythmische Fahrt zu ermöglichen.

3) Tempokontrolle

Das Tempo muss jederzeit dem eigenen Können und den Sicherheitsaspekten angepasst sein. Die geforderte Dynamik dieser Kurventechnik setzt allerdings auch eine von der Hangneigung abhängige Grundgeschwindigkeit voraus, welche die Durchführung erst ermöglicht.

4) Ökonomische Fahrweise

Die Rhythmisierung der kurzen Radien führt zum einen zur Erhöhung der Stabilität während der Abfahrt und zum anderen zu einer ökonomischeren, also einer kraftsparenderen Fahrweise. Vor allem geübte Skifahrer können dadurch wesentlich längere Strecken und mehr Kurven hintereinander bewältigen. Das kann darauf zurückgeführt werden, dass es zu einer Abwechslung von Anspannung und Entspannung der Muskulatur kommt. Je geübter ein Skifahrer ist, umso länger ist die Phase der Entspannung, die auch als Entlastung bezeichnet wird. Sobald die Ski wieder aufgekantet und gesteuert werden kommt es zu einer Erhöhung der Kräfte, denen durch die Anspannung der Muskulatur entgegengewirkt wird. Bei optimaler Ausführung bekommt der Skifahrer das Gefühl eines Schwebezustandes, durch den die Abfahrt mit einer spielerischen Leichtigkeit gemeistert werden kann.